BABÄM

Das Ei der (Alp-)Träume: Tamagotchi

Daniel schreibt den Blog DoReDani, auf dem er nicht nur über Mode berichtet, sondern der Welt auch an seinem großen Illustrationstalent teilhaben lässt. Für das 90er-Special hat er sein altes Tamagotchi rausgekramt…

Von Japan aus legte Ende der 90er Jahre eine „Vogelgrippe“ der ganz besonderen Art den Verstand sämtlicher Kinder und Jugendlicher dieser Welt lahm. Die Symptome: verzücktes Kinder-Glucksen, -Jauchzen und -Kreischen, laute Aaahs und Ooohs sowie hypnotisierte Gesichter, die apathisch auf einen Mini-Bildschirm starrten, der schrille Geräusche wie Piep-Piep, Tweet-Tweet von sich gab. Die vermeintliche Krankheit entpuppte sich schnell als ein weiterer genialer Spielzeug-Trend aus dem fernen Asien: Die Tamagotchi-Grippe war ausgebrochen.

Bandais Elektronikspielzeug war DAS große Ding, nachdem der Sammeltrend rund um Sticker, Schnuller, Trolle, Polli Pockets und Diddls abebbte. Für alle, die spätestens seit dem 2004er Revival immer noch nicht wissen, worum es geht: Das Tamagotchi stellt ein virtuelles Küken dar, welches man wie ein echtes Haustier großzieht sowie hegt und pflegt. Anderes als seine realen Pendants verfügt das Mini-Ei allerdings über einen Reset-Knopf, mit dem man das Spiel neu starten kann, falls das Haustier an Altersschwäche oder simpler Vernachlässigung sterben sollte.

Auch ich war von diesem Fieber befallen. Eine Reportage in der BRAVO reichte bereits aus und schon begann meine Inkubationszeit. Denn bis ich eines der Cyber-Eier ergattern konnte, vergingen einige Tage bis Wochen – die Dinger waren schlichtweg ausverkauft.

„Mein Tamagotchi hat Kacka gemacht!“ Nur um diese fröhlichen Worte aussprechen zu können, kämpfte ich mich durch einen Mob Eltern und Kindern im Vedes-Spielwarengeschäft. Man stelle sich statt eines Apple-Stores am Tage des Verkaufstarts des neuen iPhones einfach einen Spielwarenladen vor. Für schlappe 30,00 DM, aus heutiger Euro-Sicht ein kleines Vermögen, war man dabei.

Und wie alle Freunde und Klassenkameraden, die entweder ein Original-Ei oder eines der unzähligen Billig-Plagiate besaßen, war auch ich endgültig besessen. Das virtuelle Haustier bestimmte meinen Alltag, meine Tagebucheinträge, ließ die Schule noch uninteressanter erscheinen und forderte meine gesamte Aufmerksamkeit. Angetrieben vom Herstellerversprechen, dass sich der Charakter des Kükens je nach Zuwendung entwickeln würde, gab ich Zyklus für Zyklus mein Bestes, um eines der hübscheren Versionen zu erhalten. Vergebens. Jedes Mal die gleiche, mittelgute Version. Bis heute bin ich überzeugt davon, dass in jedem Ei nur eine bestimmte, programmierte Version möglich war. Auch wenn dies laut Wikipedia nur ein Gerücht gewesen sei.

Wie es mit Grippe-Welle nun einmal so ist, ging die Tamagotchi-Influenza fast so schnell, wie sie kam. Dass es sich beim Tamagotchi allerdings um einen regelrechten Kult und nicht nur einen schnellelebigen Trend handelt, beweisen nicht nur die immensen Verkaufszahlen oder die zahlreichen Nachmacher. Die Euro-Dance-Fraktion Sqeezer setzte mit seiner Single „Tamagotchi (Tschoopapa…)“ dem berühmtesten Ei, nach dem Überraschungs- und dem Fabergé-Ei, 1998 ein musikalisches Denkmal (und wurde selbstverständlich auch von mir gekauft. Und JA, ich höre es auch heute noch!). Sogar Die Ärzte besingen das Plastik-Ei im Lied „Tamagotchi“ auf ihrem 2012 veröffentlichten Album „auch“-  und das 15 Jahre nach der großen Hysterie.

Geldbringende Kühe werden ordentlich gemolken, bevor sie geschlachtet werden. Deshalb entstanden ab 1997 auch mehrere TV-Serien rund um das nicht zu zerschlagene Ei. Einige Mini-Folgen der zuckersüßen, abgedrehten und wirklich lustigen Serie „Let’s go – Tamagotchi“ lassen sich in englischer Synchronisation auf Youtube anschauen.

Angestiftet von dieser Serie kaufte ich mir 2008 ein Tamagotchi der neuen Generation. Es bereitete mir zwar Spaß und einige nostalgische Momente, aber so wie 1997 war es dann doch nicht mehr. Allerdings kam mir aufgrund der beginnenden Smartphone-Welle die Idee, wie schön es wäre, wenn es Tamagotchis fürs Handy gäbe. Entweder kann ich in die Zukunft schauen oder der japanische Hersteller kann Gedanken lesen, denn Anfang Februar 2013 kündigte Bandai eine Tamagotchi-App für Smartphones an.

Wahrer Kult lässt sich eben nicht unterkriegen, siehe die vor einem Revival stehenden Geldmaschinen Star Wars, Sailor Moon oder Superman. Unsere ohnehin bestehende Handysucht bekommt somit noch einen draufgesetzt. Die nächste „Vogelgrippe“, bei der Kinder und Erwachsene einander ihre Handys zeigen und sich über den Kackhaufen ihres Handyhaustieres austauschen, kann also kommen! Nach einer Vorsorge-Impfung fragen Cyber-Ei-Allergiker allerdings vergeblich. Hier hilft nur Hirn oder Handy ausschalten.

Und jetzt alle: „ Tschoopapa Dudeidammdamm….!“

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