BABÄM

Interview: So aufregend ist der Job als Garderobiere beim Fernsehen

Das Wunderbare an der Modedesigner-Ausbildung ist, dass man viele verschiedene Berufe ausüben kann. Ich führe deshalb meine Traumberuf Modedesigner-Reihe fort und interviewe Kreative, die sich gegen den Job als Designer entschieden haben und ihr eigenes Ding durchziehen. Den Anfang macht Silja, die als Garderobiere beim Fernsehen arbeitet.

Silja und ich haben uns 2010 während eines Praktikums bei einer Kölner Designerin kennengelernt und hatten beide gerade unseren Abschluss als Modedesignerinnen in der Tasche. Keiner von uns beiden wusste allerdings so richtig, was er damit anfangen sollte. Mein Weg führte mich in den Modejournalismus, Silja ging als Garderobiere zum Fernsehen.

Wie bist du als Garderobiere zum Fernsehen gekommen? 

Nachdem ich mit der Modeschule fertig war, habe ich nach Jobs im Styling gesucht und dabei ein Praktikum im Kostüm gefunden. Das war bei einer ProSieben-Show, bei der regelmäßig internationale Stars und Musiker zu Gast waren. Ein sehr cooler Einstieg. Danach habe ich ein weiteres Praktikum bei einer Serie gemacht. Sprich ganz traditionell: Stellen rausgesucht und sich beworben. Natürlich ist es von Vorteil, wenn man Ahnung von Mode hat und nähen kann, aber alles Weitere lernt man während des Praktikums.

Was sind deine Aufgaben als Garderobiere beim Fernsehen? 

Der Disposition entsprechend dem Schauspieler das richtige Kostüm für das richtige Bild (sprich: Szene) vorzubereiten und darauf zu achten, dass das Kostüm den Anschlüssen entspricht. Ein Bild kann gerne mal mehrere Stunden dauern, in denen sich das Wetter immer wieder ändern kann. Wenn es also zu Drehbeginn nicht geregnet hat, es dann aber anfängt, dürfen keine Wassertropfen in den nächsten Einstellungen auf dem Kostüm zu sehen sein. Andernfalls würde es von Schnitt zu Schnitt von ohne Tropfen auf Tropfen hin und her wechseln = nicht gut. Die Kostüme müssen gepflegt werden (Waschen, Bügeln, Schuhe putzen), Änderungen an den Kostümen vorgenommen werden (Hosen kürzen, enger oder weiter machen) und man muss die Schauspieler am Set warm und trocken halten. Das Patinieren der Kleidungsstücke ist eine weitere Aufgabe. Patinieren bedeutet, dass man das Kostüm so bearbeitet, dass es zum Beispiel so aussieht, als wäre jemand angeschossen worden oder jemand 20 Jahre im Moor lag.

Wie sieht dein typischer Arbeitsalltag aus? 

„Multitasking at its best“ trifft es wahrscheinlich am besten. Aktuell bin ich bei einer Serie angestellt und mache dort die Drehvorbereitung und Studiobetreuung, ohne am Set zu sein. Das heißt, ich bin ab 7:30 Uhr im Büro. Um 8 Uhr ist Drehbeginn. Ich bin für Rückfragen der Schauspieler zu Kostümen da, kontrolliere beim Kostümcheck, ob die Schauspieler auch alles angezogen haben, was zum Kostüm gehört (Schmuck, Accessoires, ect) und ob bei Hemden genau so viele Knöpfe auf sind, wie am Vortag, mache ein sogenanntes Anschlussfoto vom Kostüm und checke die Komparsen. Hier muss ich unter anderem darauf achten, dass alle unterschiedliche Farben tragen, damit im Hintergrund beispielsweise kein blauer Mob oder Markennamen zu sehen sind.

Da beim Fernsehen sehr selten chronologisch gedreht wird, hat man über den Tag verteilt einige Kostümwechsel. Diese muss man dementsprechend rechtzeitig vorbereiten. Nebenher fängt man mit der Vorbereitung des nächsten Drehtages an. Man schreibt die Disposition, auf der alle Bilder des nächsten Tages aufgelistet sind, inklusive direkter Kostümwechsel, Mittagspause, Drehbeginn und Drehschluss und wann die jeweiligen Schauspieler ankommen. Wenn man damit fertig ist, schaut man, ab wann man die jeweiligen Kostüme vorbereiten kann. Hat ein Schauspieler zum Beispiel vor dem letzten Bild des Tages einen Kostümwechsel, muss man so lange warten, bis der Schauspieler umgezogen ist, ehe man das Kostüm für den nächsten Tag komplett vorbereiten kann. Man muss koordinieren, wer wann fertig ist, wer was trägt und wann man dann das Kostüm komplett fertig „vorhängen“ kann. Dabei schaut man, ob die Kostüme noch in gutem Zustand sind. Oft findet man Make-up Flecken an Krägen, dann ist es wichtig, dass man die Teile zwischendurch wäscht. Außerdem räumt man gewaschene und gebügelte Kleidung wieder in die Garderoben oder räumt auf. Was man natürlich zwischendurch auch noch unterbringen muss, ist das Lesen der Drehbücher. Man muss vieles immer parallel machen und darf die Zeit nicht aus den Augen verlieren.

Ich kann mich noch erinnern, dass du mich sofort korrigiert hast, als ich dich einmal Stylistin genannt habe. Wo genau liegt der Unterschied zwischen den beiden Jobs? 

Als Garderobiere kümmert man sich eher selten um das Styling oder sucht Kostüme aus. Dafür sind die Kostümbildner verantwortlich. Für Komparsen oder Kleindarsteller macht man das zwar immer mal wieder, aber eigentlich ist das nicht die Hauptaufgabe. Bei einer Stylistin hingegen schon.

Wie sehr hilft dir deine Ausbildung als Modedesignerin in deinem Arbeitsalltag? 

Man kennt sich mit Kostümepochen aus, den Pflegebedürfnissen der Kleidung und kann nähen. Wenn man das Ziel hat, als Kostümbildnerin zu arbeiten, ist es natürlich definitiv von Vorteil, wenn man ein Gespür für Styling hat.

Was bereitet dir an deinem Job besonders viel Freude? 

Das Organisatorische. Alles im Blick behalten und mit den anderen Abteilungen so zu arbeiten, dass alles reibungslos klappt – das ist mein Ding. Nachtdrehs mag ich auch sehr gerne, wahrscheinlich, weil ich ein Nachtmensch bin. Um 18 Uhr Arbeitsbeginn haben und in mindestens elf Stunden Feierabend haben: kein Problem!

Das fertige Ergebnis im Fernsehen zu sehen, finde ich auch toll. Man kennt zwar das Drehbuch in und auswendig und war an der Entstehung beteiligt, es ist aber noch einmal etwas anderes, den fertigen Film zu sehen. Durch Schnitt, Musik und Effekte bekommt das eine völlig andere Dimension.

Welche persönlichen Eigenschaften sollte man als Garderobiere beim Fernsehen unbedingt mitbringen? 

Einfühlungsvermögen, Stressresistenz, sehr, sehr viel organisatorisches Talent und ein gutes Zeitmanagement. Ein dickes Fell schadet definitiv auch nicht.

Das Fernsehen übt auf viele Menschen eine sehr große Faszination aus. Wie fancy ist die Fernsehwelt wirklich?  

Nicht so fancy, wie es scheint. Man geht hin und wieder auf eine Premiere oder trifft auf die ein oder andere Größe, aber das war es schon. Je nach Format hat man nicht selten Arbeitszeiten von 7:30 bis 18:30 mit 45-minütiger Mittagspause und Überstunden. Und das fünf Tage die Woche. Als Garderobiere hantiert man außerdem ständig mit verschwitzten Klamotten und Schuhen von Schauspielern und muss manchmal sogar echtes Blut aus Kleidung waschen. Oder aber man dreht im Winter bei -9°C mit Wind und Eis oder in strömenden Regen und hat einen 12-Stunden-Arbeitstag. Es gibt Dinge, die ich als fancy betrachten würde, das aber nicht.

Manchmal bekommt erst eine Woche vorher gesagt, dass man am Samstag arbeitet. Natürlich hatte man für den Tag schon etwas vor und muss bangen, ob man es pünktlich zum Beispiel zu einem Konzert schafft. Früher anfangen, um früher Schluss zu machen, geht nämlich nicht. Dafür ist das Arbeitsklima sehr locker, und wenn das Team stimmt, wie eigentlich immer, hat man eine wirklich gute Zeit.

Du hast schon bei vielen Film- und TV-Produktionen mitgearbeitet, unter anderem für RTL, ProSieben oder dem ZDF. Welches Projekt hat dir bisher am meisten Spaß gemacht?  

Das kann ich schwer sagen. Wenn man von den Geschichten und den Schauspielern absieht, ähnelt sich die Arbeit immer. Etwas Besonderes ist, wenn man für Dreharbeiten reist. Letztes Jahr zum Beispiel war ich im Sommer auf Norderney für einen Dreh. In so einer Umgebung hat man natürlich super Motive. Außerdem waren das Team und die Schauspieler grandios und die Story saukomisch. Das Wetter hat auch mitgespielt und es waren super Arbeitsbedingungen.

Für welche Filme TV-Serien würdest du gerne einmal arbeiten? 

Für den Tatort, am liebsten für den Münsteraner, oder für BBCs Sherlock.

In deiner Freizeit schreibst du auf deinem Blog Fernwehge über Reiseziele in Nord- und Westeuropa. Warum hast du einen Reiseblog und keinen Modeblog gestartet? Das läge ja bei deiner Ausbildung nahe…

Zum einen habe ich das Gefühl, dass es mittlerweile mehr als genug Modeblogs gibt, und zum anderen habe ich beruflich ja schon so viel mit Mode zu tun, dass das Reisen ein schöner Ausgleich ist. Ich liebe es seit meiner Jugend, Reisen zu organisieren. Mir macht es einfach wahnsinnig Spaß, meine Leidenschaft für Reiseziele zu teilen und Tipps zu geben.

Könntest du dir vorstellen, in Zukunft nur noch zu bloggen und nicht mehr als Garderobiere zu arbeiten? 

Schwer zu sagen. Ich meine, wer würde nicht gerne fürs Reisen Geld bekommen? Wobei man dabei mehr arbeitet, als es scheint und es keine reinen Vergnügungsreisen sind. Die Frage ist auch, wie sich das Thema Reiseblogging in den nächsten Jahren entwickelt. Ich kann definitiv sagen, dass ich keine Digitale Nomadin werden möchte. Das ist finanziell auch gar nicht machbar, da die meisten sich im asiatischen Raum aufhalten, wo die Lebenshaltungskosten verhältnismäßig gering sind. Mein Fokus liegt aber auf Nord- und Westeuropa. Skandinavien und Island sind beispielsweise alles andere als günstige Länder. Außerdem liebe ich das „nach Hause kommen“. Gut, kurz danach könnte ich gleich wieder los, aber nichtsdestotrotz mag ich meine Heimat und mag es hier zu leben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

Hallo!


Zwo, eins, Risiko!

Pinterest


Archiv